aus der EV vom 02.April 2011

Dr. Thomas Kock sagt: Im bisherigen Prozess sind gravierende Fehler gemacht worden, die Strukturgruppe hat aber entscheidende Weichen gestellt.                  EV-Foto Keblat

„Einfach ‚weiter so‘ klappt nicht“

EMSDETTEN. Gibt es künftig statt der Real- und der Hauptschule nur noch Verbund- oder Gemeinschaftsschulen? Wie viel Veränderung ist nötig - und wie viel ist möglich?

Über das Zukunftskonzept für Emsdettens weiterführende Schulen, über gute Ansätze auf der einen und eine Serie von Pleiten und Pannen auf der anderen Seite sprach Re­dakti­ons­leiter Christian Busch mit Dr. Thomas Kock, Fraktionsvorsitzender der SPD und Gym­na­siallehrer.

Warum braucht Emsdetten ein Zukunftskonzept für die weiterführenden Schulen?

Wir brauchen sogar eine Schulreform für Emsdetten, und das ist den Zahlen ge­schuldet. Im Jahr 2004/05 gab es in Emsdetten 1858 Grundschüler, nach einer Prognose der Stadtverwal­tung werden es im Schuljahr 2015/16 noch 1209 sein. Das bedeutet einen Rückgang der Grundschulzahlen um ein Drittel in zehn Jahren. Und die Tendenz wird weiter fal­lend sein.
Wir gehen also in Emsdet­ten auf ein System zu, das ins­gesamt zehnzügig ist. Wenn man sich überlegt, dass wir im Moment noch acht Grund­schulen in Emsdetten unter­halten, in den kommenden Jahren aber nur noch zehn Eingangsklassen haben wer­den, dann kann man sich leicht ausrechnen, dass mit­telfristig nicht alle Grund­schulen in Emsdetten beste­hen bleiben können.
Das hat dann auch Auswir­kungen auf die weiterführen­den Schulen. Hier haben wir neben der Annette-von-Droste-Hülshoff-Schule vier wei­terführende Schulen. Und auf Dauer ist das einfach bei den Zahlen zu viel. Selbst dann, wenn man kleinere Klassen bildet.
Ziel der gesamten Schulre­form muss sein, dass mög­lichst alle Emsdettener den für sie optimalen Abschluss in Emsdetten erwerben können.

Das monatelang erarbeitete Zukunftskonzept für die weiterführenden Schulen ist - um es vorsichtig auszudrü­cken - nicht gerade glücklich gestartet: Politik und Ver­waltung müssen nachsitzen. Schulen sind verstimmt und fühlen sich außen vor gelas­sen, Eltern sind verunsichert. Was ist da schief gelaufen?

Meiner Meinung nach hat es bis zur Veröffentlichung einfach zu lange gedauert. Die Abstimmung hätte besser sein können, die Bezirksregie­rung hätte früher eingeschal­tet werden müssen. Neudeutsch gesagt: Das Ganze ist nicht gerade ideal kommuniziert worden. Für mich bestä­tigt sich gerade in dieser Fra­ge noch einmal, dass wir in Emsdetten dringend einen Beigeordneten benötigt hät­ten, der das wesentliche The­ma Schulen bearbeitet.
Nichts desto trotz hat die Schulstrukturgruppe einige Ergebnisse vorgelegt, die um­setzbar sind und die zumin­dest eine Diskussion auslösen können.

Die CDU hat jetzt angekün­digt, die Eltern stärker ein­zubinden, ihre Wünsche ab­zufragen. Wie verhält sich die SPD?

Das finde ich selbstver­ständlich und prima. Wir brauchen einen möglichst breiten Kon­sens. Die Zeit der Ideologien ist in dieser Frage Gott sei Dank vorbei. Wir müssen pragma­tische Ent­scheidungen treffen.
Dafür ist es nötig, möglichst viele Menschen mit ins Boot zu nehmen. Das sind auf der einen Seite natürlich die El­tern, auf der anderen Seite die betroffenen Kollegen. Aber ganz wichtig ist an drit­ter Stelle auch, dass die Par­teien versuchen, einen Kon­sens her­zu­stellen, dass Ent­scheidungen mit einer breiten Mehrheit getroffen werden.

Warum sind die Eltern denn nicht von vorne herein stär­ker eingebunden worden? Das wäre doch nahe liegend gewesen?

Selbstverständlich mussten erst einmal Grundlagen ge­schaffen werden. Es mussten Zah­len her, klar werden, wo­rüber reden wir hier über­haupt. Wie kann es weiter ge­hen? Wel­che Möglichkeiten hat die Politik überhaupt? Wie können wir reagieren? Das war Auf­gabe der Schulstrukturgruppe, und das ist auch passiert. Der nächste Schritt ist dann, auch die eltern einzubeziehen.
Man muss sich aber auch darüber im Klaren sein, dass eine Position, wie sie von der Käthe-Kollwitz-Realschule geäußert wurde - ein schlich­tes „Weiter so", alles ist gut, wir tun so, als sei nichts pas­siert, als könne man einfach so weitermachen in Emsdet­ten - deutlich zu kurz greift.

Es war aber auch zu hören, dass die Eltern in dieser frü­hen Phase bewusst nicht eingebunden werden soll­ten, um unnötige Unruhe an den Schulen und Konkur­renzkämpfe zu vermeiden...

Ich halte es zumindest für vernünftig, dass man mit kon­kreten Vorschlägen in die Dis­kussion hinein geht. Sonst schafft man eben diese Unru­he. Das führt letztlich dazu, dass alle Schulen gar nicht mehr wissen, wie es weiterge­hen kann und soll. So etwas ver­un­sichert Eltern und Leh­rer gleichermaßen, und das kann nicht das Ziel sein.

Aber wie kann man sich denn der Illusion hingeben, dass über einen so langen Pro­jekt-Zeitraum, der zudem noch zweimal durch die Ver­schiebung von Aus­schuss­sit­zungen verlängert wurde, keine Informationen durch­sickern, die dann erst recht für Verunsicherung sorgen?

Ja gut, das hat ja eine ganze Zeit recht gut geklappt. Und die Rektoren der weiterfüh­ren­den Emsdettener Schulen waren frühzeitig eingebun­den. Ich hatte es bereits ge­sagt: Die Ergebnisse sind zu spät kommuniziert worden, auch dadurch ist der Unmut ent­standen.

Gerade Rektoren kritisieren aber auch, sie seien in dem Prozess vielmehr infor­miert und nicht integriert worden. Müssen jetzt auch die Schu­len noch einmal inten­siver beteiligt werden?

Ja, auf jeden Fall. Wie ge­sagt: Das Ziel ist, dass die Schulen und die Kollegien hinter den Konzepten stehen, die erarbeitet werden. Dass sie diese Konzepte miterar­beiten.
Von daher ist auch der Ein­druck falsch, dass schon jetzt alles beschlossene Sache sei. Wir sind in einem offenen Diskussionsprozess, wir müs­sen gucken, was passiert. Klar ist nur, wir müssen auf jeden Falle reagieren. Es geht nicht einfach weiter so. Wir müssen auf die Zahlen reagieren.

Aber mal ehrlich: Wie kann es passieren, dass ein mona­telang intern diskutiertes Projekt erst zwei Wochen vor der Präsentation mit der Bezirksregierung abge­stimmt und dann von dieser in Teilen gekippt wird?

Das halte ich für einen gra­vierenden Fehler. Und ich bin der Meinung, dass dies gera­de durch die Verwaltung hät­te professioneller begleitet werden können. Ich sag's nochmal: Wir brauchen in Emsdetten einen Beigeordne­ten, der für dieses Thema zu­ständig ist. Hier müssen deut­lich bessere Absprachen mit der Bezirksregierung erfol­gen.

Zur Sache: Wie sinnvoll ist auf lange Sicht das jetzt im Raum stehende Konzept mit zwei Verbund- und einer Halbtags-Realschule?

Ich hielte eine Lösung für besser, die neben dem Gym­nasium zwei Gemeinschafts­schulen vorsieht. Eine Ge­meinschaftsschule ermöglicht längeres gemeinsames Ler­nen, zumindest bis zum sechsten Schuljahr. Die Ge­meinschaftsschule ermöglicht es, die Stärken und Schwä­chen der Schüler besser aus­zuloten, darauf besser und in­dividueller einzugehen.
Die Gemeinschaftsschule ermöglicht es, dass jeder Schüler den für ihn optimalen Ab­schluss erlangen kann. Da­her halte ich es auch für wich­tig, in diesen Gemeinschafts­schulen eine Oberstufe einzu­richten, die es dann ermög­licht, das Abitur nach neun Jahren zu erwerben, während am Gymnasium weiter das Abitur nach acht Jahren ange­boten wird.
Man muss sehen, dass im Moment alleine 40 Emsdettener im Jahr ihr Abitur in Rhei­ne machen - neben den Schü­lern, die nach St. Arnold wechseln. Unser Ziel kann nur sein, diese Schüler in Emsdetten zu halten.
Möglich ist natürlich auch das Modell, eine Gemein­schaftsschule vorzusehen und die Realschule bestehen zu lassen. Ich sehe allerdings die Gefahr, dass auf Dauer eine solche Realschule neben der Gemeinschaftsschule kaum eine Chance hat.
Als wir den Ganztag neu an­geboten haben, gab es sehr viel Skepsis. Mittlerweile er­öff­nen wir regelmäßig in Grundschulen immer neue Ganztagsgruppen. Ähnlich populär wird die Gemein­schaftsschule werden.

Wird das Zukunftskonzept am 12. April beschlossen, oder muss nach den Diskus­sionen der letzten Wochen die Notbremse gezogen wer­den?

Nein. Wir müssen keine Notbremse ziehen. Wir wer­den einen Beschluss fassen. Allerdings wird der ganz si­cher zu einer Menge Diskus­sionen führen, und diese Dis­kussionen müs­sen wir auch zulassen. Es muss noch einen Gestaltungsspielraum geben. Eltern, Lehrer müs­sen noch Einfluss nehmen können. Es müssen noch eine Menge Ge­spräche erfolgen.
Wichtig ist, dass wir mög­lichst viele Menschen mitneh­men und für dieses Konzept werben. Denn klar ist auch, dass zunächst die Behar­rungskräfte stark sind, man tut sich schwer, sich mit neu­em anzufreunden. Aber dass etwas passieren muss, darum kommen wir in keinem Fall drum herum.