Dr. Thomas Kock

Stellungnahme der SPD-Fraktion zum Haushalt 2002 (Rat, 20.12.01)

Sehr geehrter Herr Bürgermeister,  
sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen,

für die Entwicklung unserer Stadt ist ein Haushalt wie dieser eine schlichte Katastrophe.

Herr Bürgermeister, Sie haben es erreicht, die Verschuldung der Stadt in Höhen zu treiben, die noch vor wenigen Jahren völlig undenkbar gewesen wären. Mit den jetzt eingeplanten fast 21 Millionen DM Neuverschuldung für das kommende Jahr, haben Sie es tatsächlich geschafft, die Verschuldung der Stadt in nur fünf Jahren fast zu verdoppeln. In Kürze werden wir über 100 Millionen DM Schulden haben. Die gute Position Emsdettens im Vergleich der Kommunen untereinander ist damit zu einem guten Teil verspielt.

Im Gegensatz zu den letzten Jahren gibt dieser Haushalt darüber hinaus kaum Anlass zu der Hoffnung, dass diese Kredite nicht vollständig aufgenommen werden müssten. Es gibt kaum noch Reserven in diesem Etat.

Wenn Sie, wie in der Emsdettener Volkszeitung am letzten Samstag, behaupten, Sie hätten "kein Problem mit der Neuverschuldung", dann ist das nicht nur abenteuerlich, sondern für einen Bürgermeister auch verantwortungslos.

Die Frage ist keine Polemik, sondern notwendig: Wie lange kann sich die Stadt Ihre Politik eigentlich noch leisten? Wie lange werden Sie noch brauchen, um eine wirtschaftlich starke Stadt wie Emsdetten in den Ruin, sprich in ein Haushaltssicherungskonzept, zu treiben?

Manchmal habe ich das Gefühl, Sie verfahren nach dem Motto: Hauptsache, Wiederwahl im Jahre 2004, koste es was es wolle. Und dann: nach mir die Sintflut.

Da werden große Vereine entgegen jeder wirtschaftlichen Vernunft in hohem Maße mit Geld bedacht – ich meine hier die Kolpingfamilie, ein Verein, dessen inhaltlich gute Arbeit in keiner Fraktion in Abrede gestellt wird. Dies soll Wählerstimmen bringen – die Zeche zahlen schließlich andere, nämlich die nachfolgende Generation.

Eine solche Politik kann sich Emsdetten nicht mehr lange leisten, eine solche Politik hat Emsdetten auch nicht verdient.  

Bleiben wir bei dem Beispiel: Unterbringung der Kolpingsfamilie.  
Welche Konzepte stehen sich dabei gegenüber? Klar ist für alle Fraktionen:

- wir haben ein baufälliges Kolpinghaus, das ohne eine Renovierung nicht weiter zu nutzen ist, und  
- wir haben nach den Sommerferien 2002 einen leerstehenden Schulkomplex an der Lange Straße, für den ein Nutzungskonzept entwickelt werden müsste.

Wünschenswert wäre natürlich eine Lösung, beide Gebäude zu erhalten und hier möglichst viele berechtigte Interessen von Vereinen und Institutionen zu befriedigen. Dies ist wirtschaftlich allerdings nicht tragbar - siehe oben - also kann nur eines der beiden Gebäude erhalten werden.

Ab diesem Punkte unterscheiden sich die Positionen:

Sie, Herr Bürgermeister, und mit Ihnen Ihre Partei möchten das Kolpinghaus für, grob geschätzt, 2,5 Millionen DM in mehreren Schritten in den kommenden Jahren renovieren. Das Haus soll von der Kolpingsfamilie genutzt werden, die zur Verfügung stehende Fläche beträgt etwa 700 qm.

Wir dagegen möchten ein neues Kolpingzentrum an der Lange Straße errichten. Dort entstehen Umbaukosten von ca. 1,5 Millionen DM, grob geschätzt – manches lässt sich dort noch durch Eigenleistungen nach unten korrigieren. Ersparnis: etwa 1 Millionen DM.  

Zu vergeben ist dort eine Fläche von ca. 1.500 qm, bei einer Gesamtfläche von fast 2.350 qm – also trotz der Ersparnis eine mehr als doppelt so große Nutzfläche.  

Wir möchten gleichzeitig die Fassade des Kolpinghauses erhalten und das Gebäude an einen Investor verkaufen. Vermarkten wollen wir auch, und das ist eine Summe, die bisher in den Wirtschaftlichkeitsberechnungen der beiden Modelle völlig unberücksichtigt geblieben ist, Teile des Schulkomplexes, so insbesondere das ehemalige Jugendheim – auch hier soll eine Wohnbebauung entstehen, auch hier entstehen Einnahmen für die Stadt, die gegen zu rechnen sind.  

Vorteile: Im Schulkomplex können neben der Kolpingsfamilie, deren Wünsche vollständig realisiert werden können, also auch für das Jugendzentrum, weitere Vereine untergebracht werden. Ich nenne nur: den Tanzsportverein "Young and Old", die Schmetterlinge und die Lebenshilfe. Teile des Komplexes könnten aber auch so vermietet werden, dass für die Stadt nicht nur keine Folgekosten, sondern im Gegenteil, Mieteinnahmen entstehen.

Der Bürgermeister hat in der letzten Hauptausschuss-Sitzung Folgekostenberechnungen angestellt, die schlicht ins Groteske gingen. Wenn ich mich erinnere, wie oft die SPD nach den jährlichen Kosten für die Emshalle gefragt hat: Was meinen Sie wohl, Herr Bürgermeister, wie dort die entsprechenden Summen aussähen, wenn Sie ähnlich argumentieren würden wie im Hauptausschuss?

Die jährlichen Kosten für den umgebauten Schulkomplex sind bei weitem noch nicht ausgelotet und im Augenblick nur schwer zu bewerten. Ziel der SPD ist es natürlich, diese Kosten möglichst gering zu halten und dies auch im Konzept zu berücksichtigen.

Fazit: Die inhaltlich und wirtschaftlich vernünftige Variante ist der Umbau des Schulkomplexes an der Lange Straße, ein neues zu Hause für die Kolpingsfamilie, für das Jugendzentrum und für Emsdettener Vereine.

Entscheidend sind die erheblich geringeren Umbaukosten, die mehr als doppelt so große zur Verfügung stehende Fläche und die Tatsache, dass die Bausubstanz der Schule, im Gegensatz zum Kolpinghaus, in Ordnung und auch erheblich jünger ist.  

Die Idee von Andreas Hoge, diese Fragen in einem Bürgerforum vorzustellen und zu beraten, halten wir für ausgezeichnet. Wir hoffen, dass es im kommenden Jahr weitere solcher Veranstaltungen geben wird.  
Es handelt sich hier um ein Problem, bei dessen Lösung man nicht leichtfertig über die Meinung der Emsdettener Bürgerinnen und Bürger hinweggehen sollte.  

Wir möchten an dieser Stelle noch einen Schritt weiter gehen.  
Wir möchten, zum ersten Mal in Emsdetten, dass alle Bürgerinnen und Bürger die Chance erhalten, über diese unterschiedlichen Konzepte abzustimmen. Die SPD wird aus diesem Grunde ein Bürgerbegehren zu dieser Frage unterstützen. Wir werden in den nächsten Wochen gemeinsam mit anderen Parteien, Vereinen und Interessenten Unterschriften sammeln. Wenn, was wir hoffen, 8 % der wahlberechtigten Bürgerinnen und Bürger unterschreiben, muss der Rat die Frage neu abstimmen. Falls er bei seinem Votum bleibt kommt es gemäß der Gemeindeordnung zu einem Bürgerentscheid.  

Dann, und das ist die logische Fortsetzung der Ideen des Kämmerers, haben tatsächlich alle Emsdettener wahlberechtigten Bürgerinnen und Bürger die Chance, ihre Meinung für den Rat bindend kund zu tun.  
Gerade weil die Haushaltssituation dermaßen miserabel ist, gehen wir davon aus, dass sich die Bürger für die wirtschaftlichste Lösung, die nach unserer Einschätzung auch inhaltlich allen Anforderungen gerecht wird, entscheiden werden: für die Umnutzung des Schulkomplexes an der Lange Straße.  
Bei dem Bürgerbegehren geht es, und das möchte ich noch einmal ausdrücklich betonen, um die Lösung einer Sachfrage, nicht um Parteipolitik. Es geht darum, in Emsdetten ein Mehr an Demokratie zu wagen und umzusetzen.  

Für uns ist es sehr fraglich, ob wir im kommenden Jahr mit den fast 21 Millionen DM Neuverschuldung überhaupt auskommen werden. Der Bürgermeister geht in seinem Entwurf von den gleichen Gewerbesteuereinnahmen aus, die er bereits für dieses Jahr geschätzt hat.

Die meisten Gemeinden rechnen mit Einbußen für das kommende Jahr. Die Gewerbesteuerschätzung des Bürgermeisters ist bereits in diesem Jahr um etwa 1,5 Millionen DM verfehlt worden. Für das kommende Jahr liegt hier ein weiteres Haushaltsrisiko in Höhe von sicherlich jenseits der 3 Millionen DM, die dann ja ebenfalls durch Neuverschuldung zu finanzieren wären.  

Reserven ergaben sich in den letzten Jahren durch hohe Ansätze beim Ankauf von Flächen durch die Stadt, insbesondere für neue Gewerbegebiete. Diese Reserven wird es im kommenden Jahr nicht geben. Dies bedeutet ein weiteres Haushaltsrisiko.

Auf der anderen Seite steht, dass die Stadt dringend neue Gewerbeflächen benötigt. Die hier im Haushalt vorgesehenen, anzukaufenden Flächen ermöglichen es der Stadt, ein seit langem geplantes neues Gewerbegebiet, von der Stadtmitte aus gesehen rechts vom Grevener Damm, von der Firma Pool bis zur Stadtgrenze, anzubieten.

Dass hier die Verhandlungen mit einem Grundstückseigentümer zum Abschluss gebracht werden konnten, ist Ihr Verdienst, Herr Bürgermeister, das will ich nicht schmälern, und auch das Verdienst von Herrn Kintrup.

Das neue Gewerbegebiet wird den Bedarf für solche Flächen in Emsdetten für die nächsten fünf bis acht Jahre zu einem guten Teil abdecken können.

Allerdings müssen wir auch bereits heute über diesen Zeitpunkt hinaus denken. Denkt man langfristig, zeigt dies, wie dringend diese Stadt auf die neue Westumgehung angewiesen ist, nicht nur zur Entlastung des Verkehrs in der Stadt, sondern auch, um auch in Zukunft an dieser Straße weitere Flächen für Unternehmen ausweisen zu können, und damit Arbeitsplätze in Emsdetten zu sichern und neue Arbeitsplätze schaffen zu helfen.

Dies zeigt auch, dass wir bei der Westumgehung über den bisher geplanten Verlauf weiter planen müssen. Wir brauchen den Anschluss der Umgehungsstraße an die B 481 im Norden der Stadt, also etwa in Höhe des Teekottens.

Ich will nicht verhehlen, der Preis, den wir dafür bezahlen, insbesondere der ökologische Preis, ist hoch, er ist sehr hoch. Aber die wirtschaftliche Entwicklung dieser Stadt hängt für die nächsten zwanzig Jahre am Bau dieser Straße.  

Ein weiterer Punkt, in dem es große Übereinstimmungen zwischen dem Bürgermeister, Teilen der CDU und uns gibt, ist das Bahnhofsprojekt. Herr Bürgermeister, Sie können auch in Zukunft mit der Unterstützung meiner Fraktion bei der Umsetzung dieses Projektes rechnen.

Trotz der sehr schwierigen Haushaltslage wissen wir, dass wir jetzt handeln müssen, oder der Zug fährt zukünftig, im wahrsten Sinne des Wortes, ohne uns ab. Durch die demnächst erfolgende Ausschreibung der Bahnstrecke drängt die Zeit. Ich bin mir auch sicher, dass wir für den Bahnhof und das Bahnhofsumfeld weiterhin gemeinsame Lösungen finden können, auch was den Ankauf und den Umbau oder Neubau des Bahnhofsgebäudes anbelangt.

Die Voraussetzungen sind für dieses Projekt durch die Landesfinanzierung sehr gut, Schwierigkeiten gibt es in manchen Fragen mit der Bahn. Wir wissen, dass die Verhandlungen mit den verschiedenen Bahnunternehmen gerade für Herrn Schäckel nicht immer einfach und sicherlich auch nervenaufreibend sind. Wir haben aber volles Vertrauen, dass wir auch im nächsten Jahr hier zu guten Lösungen kommen werden, und das anspruchsvolle Konzept umsetzen können.  

Ein dritter Punkt mit großen fraktionsübergreifenden Gemeinsamkeiten, ist der Bereich der Schulbauten. Wir hätten uns manches, was die Finanzierung angeht, auch den Umgang mit der Schulpauschale, im Detail anders gewünscht. Ich will das hier nicht noch einmal ausführen.

Die Stadt hat in die Schulen in den letzten Jahren enorme Summen investiert. Die entsprechenden Beschlüsse sind mit breiten Mehrheiten gefasst worden, und das ist auch gut so. Gute Schulen bilden eine wichtige Voraussetzung, um den Kindern und Jugendlichen in dieser Stadt ein Optimum an Startchancen für ihren beruflichen Werdegang mit auf den Weg zu geben.

Hervorheben möchte in diesem Zusammenhang auch die Sozialarbeit in der Marienschule, die im nächsten Schuljahr, von der Stadt finanziert, anlaufen soll.  

Diese Haushaltsberatungen standen und stehen unter dem Diktat des Sparens. Nicht alle entsprechenden Vorschläge der SPD haben Berücksichtigung gefunden. Für Erhöhungen von Etatpositionen gab es kaum Raum. Gewünscht hätten wir uns jeweils mehr Geld für Borussia Emsdetten und DJK Fortuna. Dies wäre auch machbar gewesen. Die Summe, die wir beispielsweise für Borussia beantragt haben, ist fast die gleiche, die wir etwa beim Kauf eines neuen Dienstfahrzeuges für die Mitarbeiter der Stadtverwaltung einsparen wollten. "Dies ist den Mitarbeitern nicht zuzumuten", hat der Bürgermeister dazu im Hauptausschuss gesagt. Vielleicht hätte es die untere Mittelklasse aber tatsächlich getan, viele Emsdettener muten sich so etwas zu. Es ist natürlich immer die Frage, wie man Prioritäten setzt. Borussia muten Sie so beispielsweise zu, seit fast zehn Jahren mit der selben Summe für die Reinigung des Sportgeländes am Teekotten auszukommen, von der Ablehnung weiterer Pläne des Vereins einmal ganz zu schweigen. Etwas mehr Sensibilität in solchen Fragen wäre sicherlich wünschenswert.

Ihre Aussage in der EV vom 4. Dezember, Herr Bürgermeister, die SPD wolle die Geldreserven der Stadt – welche Geldreserven, frage ich da – an die Vereine verteilen, ist natürlich reine Polemik und letztlich auch eine Irreführung.  

Ich möchte betonen, wir Sozialdemokraten haben überhaupt kein Interesse daran, dass es für die Stadt zu einem Haushaltssicherungskonzept kommt und damit kein politischer Gestaltungsspielraum für die Stadt gegeben ist. Wir sehen im Augenblick allerdings genau diese Gefahr. Herr Bürgermeister, hier sind Sie in den nächsten Jahren gefordert. Ihre Antwort kann nicht ausschließlich darin bestehen, dem Land oder dem Bund die Verantwortung zuzuschieben. Viele Probleme dieser Stadt sind hausgemacht – siehe die Diskussion um das Kolpinghaus.

Wir brauchen eine Politik der Haushaltskonsolidierung, die auch vor unbequemen Antworten nicht zurückschreckt.  

Die SPD trägt diesen Haushalt nicht mit. Das wird Sie nicht überraschen, dazu sind zu viele Anträge von uns auch in grundsätzlichen Fragen an der Mehrheitsfraktion gescheitert.  

Ich wünsche uns allen, trotz allem, ein schönes Weihnachtsfest und  ein diskussions-, und auch manchmal notwendigerweise auch streitfreudiges neues Jahr, auf das das Beste für diese Stadt dabei herauskommt.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.